„Einfach machen!“ – rät der polnische Unternehmer Michael Mlynarski anderen Migranten, die gründen wollen.

entrepreneur_coach_karlsruhe_170216Gründen Migranten in Deutschland anders, als die Deutschen? Eine Sonderauswertung des Gründungsmonitors 2015 der Förderbank KfW belegt, dass Migranten eher aus der Not heraus gründen in den Fällen, wo ihre Chancen, ein Angestelltenverhältnis zu finden, zu gering sind. Einer, auf den diese Analyse nicht zutrifft, ist der polnische Unternehmer Michael Mlynarski.

Die erste Gemeinsamkeit zwischen Michael und mir stelle ich bereits vor unserem Gespräch fest: Michael hat, genau wie ich, an der Uni Paderborn in NRW studiert. Eigentlich ist mein Gesprächspartner Dr. Michael Mlynarski, er besteht allerdings nicht auf der Nennung des Doktortitels und hat gleich zu Anfang unseres Interviews vorgeschlagen, dass wir uns duzen.

Von Paderborn, erzählt er mir, führte ihn sein Weg über Stationen bei Siemens und anderen namhaften Unternehmen in seine Wahlheimat München und zur Gründung von QualityMinds. QualityMinds ist ein Unternehmen, das sich auf Qualitätssicherung und Testing in agiler Softwareentwicklung spezialisiert. Michael und QualityMinds wurden 2015 mit dem PhönixPreis ausgezeichnet – dem Wirtschaftspreis für Migrantenunternehmen der Stadt München.

Luba: Wie bist Du als gebürtiger Pole in Paderborn gelandet, warum gerade dort?

Michael: Meine Eltern sind beide Polnisch-Lehrer, ich wollte aber etwas anderes machen und habe im Jahr 2003 angefangen, Informatik und Mathematik in Breslau zu studieren. Ich komme aus dem Süden von Polen, aus Schlesien, was ungefähr mit Bayern und dem Rest von Deutschland vergleichbar ist. Eigentlich zwei verschiedene Länder, die aber zum gleichen Staat gehören… Ich wollte schon immer mal ins Ausland, eigentlich zunächst ins englischsprachige, aber dadurch, dass – und jetzt komme ich zurück zu Schlesien – die familiären Beziehungen zu Deutschland auch stark verwurzelt sind und ich schon etwas Deutsch sprechen konnte, dachte ich: warum nicht Deutschland?… Ich habe mich an der Uni Paderborn im Fach Informatik einschreiben lassen. Da die finanziellen Verhältnisse zwischen Deutschland und Polen damals bei ca. 1:4 lagen habe ich ein Förderstipendium bei Siemens beantragt und bekommen. Bei Siemens hatte ich gute Entwicklungsmöglichkeiten und war für einige bundesweite Projekte verantwortlich… Über viele Ecken, Städte und Unternehmen bin ich in München gelandet, wo ich sehr glücklich bin. Und meine Familie auch. Mit Familie meine ich meine Frau und Kind plus ein weiteres unterwegs. Wenn man das zusammenfassen möchte: Neugierde und ein bisschen Glück haben mich hierher geführt.

Luba: Als IT-Spezialist bist Du eigentlich auf der ganzen Welt willkommen und man meint, USA hat alle vorteilhaften Möglichkeiten für IT: dort ist das Geld und das grosse Business. Warum bist Du dennoch Deutschland treu geblieben?

Michael: In die Staaten zieht es mich schon, ich habe auch ein grosses Netzwerk dort… Und ja, rein vom Skalierungseffekt bietet der amerikanische Markt wesentlich mehr Potenzial als Deutschland. Was die Amerikaner gut können ist innovativ denken und einfach riskieren. Was sie aber meiner Meinung nach nicht gut können ist, sich zu überlegen, ob sich das Ganze auch langfristig tragen können wird? Und: wie kann man dem Projekt durch etwas Planung nachhelfen? Jetzt überspitzt gesagt. Auch die Startup-Szene in Deutschland wird für die amerikanischen Investoren immer wichtiger. Es entstehen weniger Startups als im Valley, aber die deutschen Startups sind nachhaltiger, sie bleiben und überleben länger. Von daher: Ja, ich will mal in die Staaten, aber ein kompletter Wechsel reizt mich nicht.

Luba: Wie entstand die Idee zu QualityMinds und was war Dein erster Schritt zur Gründung Deines eigenen Unternehmens?

Michael: Die Firma habe ich nicht direkt nach der Uni gegründet, sondern da war ein Abschnitt dazwischen… Und das hat auch etwas damit zu tun, wie die Idee zu QualityMinds entstanden ist, was das für ein Unternehmen sein würde. Die Zeit bei Siemens war eigentlich ganz spannend und super cool, die Uni-Zeit zu Ende… Nach Siemens habe ich drei Jahre mit dem Unternehmen  sd&m AG zusammengearbeitet, heute Teil der grossen Capgemini-Gruppe. Das war mein erster Kontakt mit dem Thema Testing und Qualitätssicherung. Während dieser Zeit habe ich ein grosses Netzwerk aufgebaut. Wenn man länger in einem Konzern arbeitet begreift man, dass es dort nur zwei Wege gibt: entweder nach oben zu mehr politischen Spielen und Bürokratie oder aber stehen bleiben. Und Stillstand war noch nie meine Sache. Deswegen bin ich zum Mittelstand gegangen, weil ich dachte: hier wird alles besser. Da habe ich ein ganzes Team aufgebaut in dem Thema, wofür ich mich seit dieser Zeit begeistere: Testing. Nach etwas mehr als einem Jahr habe ich feststellen müssen – deutlich kleineres Unternehmen, aber genau auf die gleiche Art und Weise bürokratisch, nur dass die Kaempfe in einem kleineren Rahmen stattfinden. Eigentlich wollte ich das mit der Selbständigkeit viel später machen. Aber dann dachte ich: vielleicht ist das der richtige Zeitpunkt. Jetzt, nach drei Jahren, wo es QualityMinds prächtig geht und wir auch weitere Firmen gegründet haben, erkenne ich: mein Ziel war damals nicht, fachlich etwas ganz Neues zu kreieren, sondern eine Umgebung zu schaffen, in der – egal was man macht – die Menschen einfach Lust darauf haben, mitzuwirken.

Der allererste Schritt war dann, sich mit jemandem hinzusetzen und darüber zu reden, dass ich so etwas vorhabe. Ich habe damals viele Gespräche mit Robert [Michaels Partner bei QualityMinds und sein ehemaliger Chef bei Siemens] geführt und viele Szenarien durchgespielt. Seine Meinung war mir auch deshalb wichtig, weil ich wusste, dass Robert nicht nur meine Begeisterung für das Testing teilt sondern Dinge auch kritisch hinterfragen und wirtschaftlich denken kann. Dann haben wir gesagt: das ist es. Und wenn wir gründen, dann muss es von der ersten Minute an profitabel sein. Und das haben wir geschafft, indem wir unsere Netzwerke zusammengeführt haben und geschaut haben, wer als Kunde in Frage kommt.

Luba: Das heisst, für Dich gab es nicht DEN richtigen Zeitpunkt für die Gründung und es gibt auch nicht DIE Idee, sondern es muss zunächst die Umgebung geschaffen werden, in der Kreativität möglich ist und dann erst die richtigen und profitablen Ideen entstehen?

Michael: Ein klares “Jein”. [lacht] Ich glaube schon, dass der Zeitpunkt der Gründung wichtig ist. Mein Gedanke war: “Ich will ein cooles Unternehmen schaffen mit einer Umgebung, die Freiräume ermöglicht.” Und dann haben die Marktgegebenheiten gepasst. Ich war ja kein Fremder in der Branche und in der Community. Wir haben viele Gespräche mit Firmen geführt, die immer mehr in Qualitätssicherung investieren wollten… Daher war der Gründungszeitpunkt zum einen intuitiv zum anderen aber auch gestützt durch den Markt. Der Markt für das Testing ist riesig, allerdings kommen uns auch die grossen nicht hinterher, weil sie nicht genügend Leute haben, die ihr Herzblut in die Arbeit investieren. Wenn Du genügend Leute hast, die für das Thema brennen und Du für sie die Umgebung schaffst, die sie lieben, dann passt es.

Luba: Der erste Kunde kam also über euer Netzwerk?

Michael: Bis heute machen wir keine Akquise, unsere Kunden kommen alle über Netzwerke oder selbst auf uns zu. Wir haben zwar einen Sales Verantwortlichen, aber er koordiniert die Projekte eher und muss nicht akquirieren.

Luba: Wie unterscheidet sich Deiner Meinung nach das Geschäftsleben in Polen vom Unternehmer sein in Deutschland?

Michael: Die kulturellen Unterschiede sind spürbar. Vor allem in der Vorgehensweise wie man zum eigentlichen Geschäft kommt und wie man beim Preis taktiert. In Polen ist es teilweise sehr schwierig durchzusetzen, dass man für Qualität zahlen muss. Ich glaube in Polen agiert man auch etwas aggressiver auf dem Markt. Der wesentliche Unterschied aber ist, wie man sich an etwas Neues herantraut. In der Softwareentwicklung gibt es den Ausdruck “agile Softwareentwicklung”, also flexible Vorgehensweise, anstatt akribisch zu planen. Ich glaube die Deutschen planen eher sehr gerne und weit voraus und dokumentieren alles. In Polen probieren die Entwickler viel mehr aus und lassen sich dann überraschen, wo es hinführt und: siehe da! es funktioniert! Die Polen sind also flexibel und schnell und haben dadurch einen Wettbewerbsvorteil.

Luba: Welche Rolle – wenn überhaupt – spielte die polnische Community bei der Gründung Deiner Firma?

Michael: Ich bin per Zufall dem Young Polish International Network durch eine Mitfahrgelegenheit begegnet und das war mein erster Kontakt mit den polnischen Intellektuellen in Deutschland. Ich habe, als ich mit dem Studium in Deutschland angefangen habe, bewusst versucht, mich mit Deutschen zu umgeben, um das Land und die Sprache schneller und besser kennenzulernen. Einige der Kontakte dieser polnischen Community haben mich tatsächlich auch geschäftlich weitergebracht bzw. teilweise konnte ich sie weitervermitteln, denn Netzwerken heisst zunächst geben, geben und dann erst nehmen. Dadurch kam auch der Kontakt zum polnischen Konsulat zustande und andere Netzwerke haben sich bei mir gemeldet… Durch diese Community habe ich übrigens drei Mitarbeiterinnen für QualityMinds gewonnen.

Luba: Was würdest Du jetzt, mit Deiner Erfahrung von 2016, damals anders machen?

Michael: Grundsätzlich würde ich sagen, dass man, wenn man – was die Sicherstellung der Wirtschaftlichkeit des Unternehmens betrifft – bei der Gründung noch etwas unerfahren ist, mit jemandem gründen sollte, der was davon versteht.

Larry Page wurde einmal eine ähnliche Frage gestellt. Seine Antwort war, dass er Menschen, die in einer Firma nicht mehr mit Herzen und Motivation arbeiten wollen oder können, lieber gehen lassen sollte. Ich bin selber ein Mensch der immer wieder bis zum Ende versucht anderen zu helfen und zu unterstützen. In den letzten drei Jahren hatte ich den einen oder anderen Fall wo es besser gewesen wäre jemanden früher gehen zu lassen.

Luba: Welchen Rat würdest Du anderen Migranten geben, die ihr eigenes Projekt starten oder gründen wollen?

Michael: Einfach machen! [lacht] Wenn man Dinge nicht ausprobiert, weiss man nicht, wie es ausgeht. Je mehr man sich mit der Analyse beschäftigt, desto weiter weg rückt die Gründung. Und zweitens: darüber sprechen. Mit Menschen, die es schon geschafft haben aber auch mit denjenigen, die “gescheitert” sind… Das ist genauso wichtig.

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