Ihr Erfolgrezept: Kuchen und Kaltakquise! Immigrant Entrepreneur in Germany Elisabeth Schoch.

entrepreneur-coach-karlsruhe_280316“Ich habe mich bisher nie als Migrantin betrachtet…” – eröffnet mir am Anfang unserer Unterhaltung die gebürtige Norwegerin Elisabeth Schoch. “Anders zu sein und einen Akzent zu haben hatte in meinem Geschäftsleben keine Auswirkungen, glaube ich. Ich habe mich nie benachteiligt gefühlt, hatte aber auch keinen Vorteil daraus. Ausser dass ich mit Ihnen sprechen darf.” – wir lachen beide auf. Elisabeth wohnt seit über seit 20 Jahren in Deutschland, hat hier mit ihrem deutschen Mann zwei Töchter bekommen.

Seit zwei Jahren betreibt sie erfolgreich die NAJKA Agentur. Mit ihrer Geschäftspartnerin hat sie sich eines für die meisten Kleinunternehmer langweiligen Themas angenommen: sie analysieren und dokumentieren Arbeits- und Prozessabläufe, erstellen Arbeitsplatzbeschreibungen und organisieren die Dateiordnerstruktur online für die Unternehmen so, dass es zeitsparend und effektiv für alle Mitarbeiter ist.

Luba: Wie kam es, dass Sie sich für Deutschland entschieden haben?

Elisabeth: Oh, es war die Liebe… Ich komme aus Norwegen, habe in London studiert und dort meinen jetzigen Mann kennen gelernt. Er hat damals vorgeschlagen, dass wir für 2 Jahre nach Deutschland gehen und danach nach Norwegen… Ich habe zugestimmt. Das war vor 22 Jahren. Seitdem lebe ich in Deutschland.

Luba: Sie sind also nie wieder zurück nach Norwegen gegangen?

Elisabeth: Nein. Die ersten zwei Jahre in Deutschland waren schon hart. Ich bin von England nach Deutschland zu den Eltern meines Mannes gegangen. Meine Schwiegereltern haben damals versucht, sich mit mir auf Deutsch zu unterhalten: ich habe nur genickt und gelacht, konnte ja nicht viel sagen… Wir haben uns z.B. ab und zu mit den Kollegen von meinem Mann getroffen, es waren auch Frauen dabei. Ich habe mich etwas ausgeschlossen gefühlt, weil ich mich nicht so richtig an der Unterhaltung beteiligen konnte. Ich wollte eigentlich etwas sagen und bis ich in meinem Kopf den passenden Satz zurecht “überlegt” habe, haben die anderen bereits das Thema bereits gewechselt…

Luba: Irgendwann mal haben Sie aber die Barriere überwunden von “ich verstehe Deutsch” zu “ich spreche Deutsch” und dann zu “ich mache Witze auf Deutsch”, nicht wahr? Humor in einer Fremdsprache ist die Königsdisziplin der Sprachkenntnis…

Elisabeth: Oh ja! Der Humor ist ganz anders in Norwegen. Manchmal erzähle ich etwas total Lustiges – also ich finde das total lustig – aber kein anderer findet das lustig. Ich erzähle die gleiche Geschichte den Norwegern und sie lachen sich tot!

Nun ja… Nach einiger Zeit in Deutschland wusste ich: ich muss anfangen, mich zu bewerben. Ich hatte einen Schrecken davor, mit meinem damaligen Deutsch zu telefonieren! Mein Mann hat mich allerdings extrem unterstützt – wir haben uns überlegt, welche Fragen kommen könnten, die Antworten darauf vorbereitet und ich habe sie richtig auswendig gelernt… Ich habe sehr viele Absagen bekommen. Bis ich in einem Hotel in München angerufen habe – die Dame hat gemeint, sie würden jemanden suchen, um die Verkaufs- und Marketingabteilung aufzubauen. Ich dachte: Oh nein. Mache ich nicht. Mein Mann hat mich allerdings überzeugt: “Sieh das als Übung.”  Ich hatte Glück – der Geschäftsführer des Hotels hat selbst sehr gern geredet und mir nur Fragen gestellt, wo ich die Antworten auswendig wusste… 2 Tage später hatte ich den Job. Es war spannend und anfangs sehr hart, aber ich habe mich durchgekämpft und natürlich auch wahnsinnig viel gelernt. Auch sprachlich… Dann kamen die Kinder. In dieser Zeit habe ich angefangen, Englisch zu unterrichten. Das war toll: Vormittags habe ich in Kindergärten unterrichtet und konnte Nachmittags für meine Familie da sein.

Vor 3 Jahren habe ich mir dann gedacht: ich würde doch gern etwas anderes machen. Ich wollte auch meine betriebswirtschaftlichen Skills, das, was ich im Studium gelernt habe, wieder einsetzen. Dadurch bin ich auf die Idee gekommen, meine eigene Firma aufzubauen.

Luba: Sie waren ja für eine relativ lange Zeit “raus”. Wie haben Sie Ihre Geschäftspartnerin gefunden? Wie kam die Idee zu NAJKA zustande?

Elisabeth: Es war fast Schicksal! Das ist eine Nachbarin von mir, wir haben uns vorher nicht besonders gut gekannt, haben aber ab und zu zusammen Kaffee getrunken. So sassen wir mal eines Tages beim Kaffee und ich habe gemeint, es wäre doch toll, was Eigenes und Neues aufzubauen. Sie war damals Angestellte bei einer IT Firma und wollte eigentlich auch was Eigenes.

Dann haben wir gesagt: wir treffen uns einfach einmal bis zweimal pro Woche und reden gezielt darüber. Wir suchten nach einer Idee: was können wir?

Ich habe in meiner Zeit beim Hotel viel mit Externen gearbeitet und mir ist aufgefallen, dass viele Firmen häufig unorganisiert sind und viel Zeit verschwenden. Damals habe ich das allerdings nicht als eine Geschäftsidee gesehen. Meiner Geschäftspartnerin ging es ähnlich, sie ist eine extrem gut organisierte Person oder wie sie sich ausdrückt: “Ich bin zu faul zum Suchen.” So kam die Idee auf, dass wir beide uns um die Verwaltung kümmern werden. Verwaltung ist für die meisten Unternehmer ein langweiliges Thema: muss man machen, mag aber so wirklich keiner. Viele bauen ihre Firma schnell auf, vernachlässigen aber das Back-End und die Verwaltung hinkt hinterher. Sie schaffen es nicht, die internen Prozesse effektiv zu organisieren und so wachsen die Papierhaufen…

Wir haben uns ein Dreiviertel Jahr auf diese Weise regelmäßig getroffen, haben Gründer-Seminare besucht, einen Businessplan und einen Finanzplan geschrieben – also alles sehr strukturiert und gut vorbereitet. Nach diesem Dreiviertel Jahr haben wir gesagt: “Jetzt ist es soweit, jetzt können wir starten”. Ich glaube, zu lange planen ist so ein Frauending – sie planen und planen und planen und der Start wird immer wieder verschoben… Meine Geschäftspartnerin hat ihren Job gekündigt und ich meinen und wir haben losgelegt.

Luba: Wie kam Ihr erster Kunde?

Elisabeth: Die Kunden haben nicht selbst bei uns angeklopft und wir hatten kein Geld für die Werbung. Das hiess für uns dann: telefonieren. Kaltakquise. Meine Geschäftspartnerin kommt aus der IT-Branche und wir haben mit dieser Branche angefangen. Wir haben Adressen von KMUs [Kleine und Mittelständige Unternehmen] gesammelt, Briefe mit unserem Angebot verschickt an die Geschäftsführer und dann hinterher telefoniert. Kaltakquise machen, glaube ich, nur wenige gern. Wir haben das auch ungern gemacht und hatten auch Schiss davor! Das war ja Verkaufen!.. Bevor wir angerufen haben, haben wir einen Skript erstellt. Ich habe z.B. auch vor dem Spiegel geübt mit einem Telefon in der Hand…

Bevor wir mit dem Telefonieren losgelegt haben, haben wir uns gedacht, dass wir etwas Besonderes brauchen, einen Aufhänger. Wir haben uns dafür entschieden, dass wir eine kostenlose und unverbindliche Präsentation beim Kunden abhalten und dazu selbstgebackenen Kuchen mitbringen würden. Und das mit dem Kuchen war super! Manche haben gesagt: “Nein, danke, keine Zeit…” Worauf wir antworten konnten: “Gut, Kaffeepause braucht jeder. Sie lehnen sich zurück, essen unseren Kuchen und hören uns einfach zu.” Und so sind wir bei ein paar Firmen reingekommen… Und bei denen, die gesagt haben, wir dürfen in 1-2 Monaten wieder anrufen – wenn wir dann angerufen haben, haben sie sich an uns erinnert: “Ah, das ist die Dame mit dem Kuchen!”

Luba: Herrlich, das nenne ich mal ein USP [unique selling proposition]…

Elisabeth: Ja! Unser erster Kunde kam auf diese Weise.

Luba: Kuchen hat also Türen für Sie geöffnet?

Elisabeth: Absolut. Weil Verwaltung ja an sich ein trockenes und langweiliges Thema ist…

Luba: Was hätten Sie jetzt, mit Ihrem jetzigen Wissen, damals beim Starten anders gemacht?

Elisabeth: Gar nichts! Diese Vorbereitungszeit war für mich sehr wichtig und das würde ich auch jedem raten. Wir haben am Anfang verschiedene Richtungen ausprobiert… Wir haben es mit Kooperationen mit Dritten versucht, allerdings hat das nicht immer funktioniert. Aber dadurch lernt man natürlich auch. Man schaut, ob etwas funktioniert und wenn nicht, dann ändert man die Richtung.

Luba: Sie sehen sich nicht als Migrantin… Nichtdestotrotz hatten Sie am Anfang mit den gleichen Schwierigkeiten zu kämpfen, die viele andere Migranten erleben. Welchen Rat würden Sie Migranten geben wollen, die mit dem Gedanken spielen, etwas Eigenes zu starten?

Elisabeth: Ganz wichtig ist die Sprache! Mein nächster Vorschlag gilt eigentlich für alle, die gründen möchten: man sollte sich Zeit nehmen. Plant genügend Zeit ein zum Ausarbeiten eines Business Plans und Etablieren von gewissen Strukturen im Vorfeld. Wir haben z.B. nicht nur einen Business Plan geschrieben, sondern uns auch unsere Finanzen angeschaut, uns viel informiert… Es gibt sehr viel Unterstützung und kostenlosen Support z.B. von der IHK oder vom Bund der Selbständigen.

Luba: Was gehört für Sie zu einer guten Planung und Vorbereitung noch dazu?

Elisabeth: Zusammengefasst…

  • Mit möglichst vielen Menschen über die Idee zu sprechen. Die meisten teilen auch sehr gern ihre Erfahrung. Sie brachten uns auf Dinge, die uns in der ersten Phase gar nicht eingefallen sind…
  • Wichtig ist es auch, sich klar zu machen, dass wenn man etwas starten möchte, es auch Zeit benötigt, bis das erste Geld reinkommt. Man kann nicht sagen: ich habe genügend Mittel um die ersten 2 Monate zu überleben und ab dem dritten Monat muss ich Geld verdienen mit meinem Business. Das geht nicht bzw. nur in den seltensten Fällen. Man muss vorsorgen und sich darauf einstellen, dass es dauern wird, bis man die ersten Erfolge verzeichnet…
  • Und man muss bereit sein, dran zu bleiben. Viele geben zu schnell auf: keine Kunden, wenige Kunden, niemand will mein Produkt usw… Damit muss man rechnen und sich darüber im Klaren sein.
  • Aus meiner Erfahrung kann ich noch sagen: fange nicht alleine an, hole Dir einen Partner mit ins Boot! Es gibt immer wieder Phasen, wo man sich fragt: ist das wirklich das Richtige für mich? Und wenn man zu zweit ist, kann man sich gegenseitig unterstützen. Ich weiss nicht, ob ich das allein geschafft hätte!..

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