„Migrant zu sein war weder Handicap noch Chance.“ – Begonia Merayo, Gründerin von WhyConsult.

entrepreneur-coach_221215“Was genau meinst Du damit, wenn Du sagst, die Wahrnehmung der Migranten in der Öffentlichkeit in Deutschland ist eine andere, als in den USA?” – fragt mich am Anfang unseres Interviews die aus Spanien stammende Unternehmerin Begonia Merayo. Schon an dieser Frage zeigt Begonia ihre Einstellung zum “Migrant-sein”, die sich in ihrer Lebensart und Einstellung zum Leben und Business widerspiegelt: es spielt doch eigentlich keine Rolle, woher Du kommst. Wichtig ist, wohin Du gehen willst.

Begonia war jahrelang erfolgreich im Brand Management führender internationaler  Handelskonzerne und hat vor einigen Jahren Ihr eigenes Business gegründet: Ihr Unternehmen WhyConsult ist eine internationale Personalberatung einer etwas anderen Art – der Mensch steht hier im Vordergrund, die Persönlichkeit des Unternehmers UND die des Kandidaten. Begonia kennt die Anforderungen ihrer Kunden – meist sind das mittelständische Unternehmen – sehr genau sowie die Erwartungshaltung der Projektverantwortlichen. Somit kann sie einen Kandidaten empfehlen, der nicht nur die Fachexpertise bietet, sondern auch ins Projektteam passt. Mit ihrer jahrelangen Erfahrung in der Führung von internationalen Teams ist Begonia davon überzeugt, dass Multikulturalität ein wichtiger Baustein des Erfolgs ist. Integration von internationalen Arbeitskräften in deutsche Unternehmen ist allerdings immer noch eine Herausforderung. Daher hat WhyConsult auch den Anspruch, nicht nur einen passenden Kandidaten zu empfehlen, sondern auch seinen Integrationsprozess ins Unternehmen zu begleiten: das bedeutet die Beratung der Unternehmensinhaber und das Coaching der Kandidaten.

Luba: Du hast in Spanien und Frankreich studiert… Warum ausgerechnet Deutschland?

Begonia: Das war eigentlich ein Zufall. Nach der Studienzeit in Frankreich bin ich zurück nach Spanien gegangen und hatte damals eigentlich schon eine genau Vorstellung, dass ich eine internationale Karriere machen wollte. Die Welt ist zu gross, um mein ganzes Leben nur in einer Stadt zu verbringen, dachte ich. Diesen Pioniergeist, etwas Neues zu erfahren, zu lernen, hatte ich schon immer. Mein erstes berufliches Projekt war die Internationalisierung eines großen französischen Vesandhandelsunternehmens in Spanien. Es war eine spannende Zeit in den 90-ern: zu der Zeit war alles möglich, Wachstum und internationale Expansion lagen im Fokus und mit Spanien bekam ich die Chance, ein südeuropäisches Land zu verantworten. Nach 4 Jahren dort wollte ich mich weiterentwickeln. Da ich aus dem Versandhandel kam war Deutschland mit OTTO Versand eine attraktive Option. Einige meiner Freunde waren bereits in Deutschland, ihr Feedback erleichterte mir meine Entscheidung. So kam ich nach Deutschland.

Ich kannte die Sprache zwar nicht, habe aber 6 Monate am Goethe-Institut investiert um Deutsch zu lernen und konnte schnell einen Job finden bei der französischen Tochter des OTTO Versands. In dieser Zeit habe ich viel ausprobiert und ausgebaut… Ganz klar ist für mich jedoch: meine internationale Karriere ist das Ergebnis meiner beruflichen Ziele.

Es war dabei nie ein Thema, bin ich eine Migrantin oder nicht. Es ging nur darum, wo bin ich, was will ich machen, wie kriege ich das hin. Ich hatte immer viel Spass in allem was ich gemacht habe. Ich habe mich beim OTTO Versand und später bei Henkel auf die strategische und operative Markenführung und -entwicklung spezialisiert. Dabei habe ich immer in internationalen Teams gearbeitet… Das Thema “Migrant” war eigentlich nie relevant für mich.

Luba: Das finde ich ganz spannend, Deine Einstellung: ich bin ein Weltbürger und kein Migrant…

Begonia: Genau, es war für mich nie ein Handicap oder eine Chance, weder noch. Meine Chancen waren und sind abhängig von meiner Performance, von meinem Willen und meiner Einstellung. Ich habe mir das Leben so gestaltet, wie ich wollte und das klappte sehr gut. Ich habe interkulturelle Teams geführt ohne je interkulturelles Training erfahren zu haben. Es war ein ständiges “learning by doing”. Es gab nie Diskussionen darüber, ob ich Frau bin oder Mann, Engländer oder Spanierin. Die Frage war: stimmten die Rahmenbedingungen für mich, wie ich sie mir vorstellte? Habe ich die Kompetenz dafür? Traue ich das mir zu?

Auf diese Weise bin ich von Deutschland nach Kanada gekommen: ich habe diese Herausforderung gezielt gesucht und es war eine spannende Zeit.

Luba: Du warst in der Unternehmenswelt sehr erfolgreich. Wie entstand die Idee zu etwas Eigenem, zu WhyConsult?

Begonia: Die Idee WhyConsult kam zum ersten mal, als ich meine Kinder bekam. WhyConsult sollte eine neue Perspektive darauf liefern, wie man mit Talenten umgehen kann. Abgesehen von der demographischen Entwicklung in Deutschland gibt WhyConsult auch eine Antwort auf die aktuellen Herausforderungen der Unternehmen, wie Engpass an Talenten und die Digitalisierung. Ich kümmere mich dabei um die Menschen im Rahmen der neuen Personalpolitik 4.0. Was bedeutet das konkret? Das bedeutet für mich, dass der Mensch als Marke im Vordergrund steht. In Zeiten des aktuellen Fachkräftemangels ist Wettbewerbsfähigkeit das A und O für Kandidaten wie für Unternehmen. D.h. es ist heute wichtiger als je zuvor hervorzuheben, was einen Bewerber als Menschen, als Persönlichkeit auszeichnet. Ich begleite die Unternehmen bei der Veränderung und der Weiterentwicklung ihrer Kultur: ich unterstütze sie dabei, eine Unternehmensvision zu entwickeln, die für sie relevanten Werte festzulegen und einen Plan zu definieren, um gut für die neuen Marktgegebenheiten gerüstet zu sein. Zusammengefasst ist WhyConsult ein Beraternetzwerk, spezialisiert auf interkulturellen Wandel mit den Schwerpunkten Unternehmensführung und Personalmanagement.

Luba: Als Dir klar wurde: Du möchtest selbständig sein, was war da Dein erster Schritt? 

Begonia: Der erste Schritt war es, mir genau zu überlegen, was ich anbieten kann. Was sind meine Unique Selling Proposition und Added Value? Warum sollte mich jemand engagieren und nicht jemand anderen? Das naheliegende war, mich auf Projekte im Bereich Marketing und Vertrieb zu spezialisieren, so habe ich z.B. neue Konzept-Stores entwickelt oder Expansionspläne mit begleitet. Gleichzeitig kam bei den Projekten in den Unternehmen immer wieder die Frage auf: wer kann das Projekt unternehmensintern betreuen? So war die Idee entstanden, nicht nur das Projektmanagement zu übernehmen, sondern auch die Manpower dafür zu liefern. Why Consult ist mehr als ein Recruiting Unternehmen. Wie arbeiten als professioneller Partner unserer Kunden und begleiten diese bei der Gestaltung von Lösungen für die Herausforderungen unserer Zeit, wie den demografischen Wandel. Insofern steht die Beratung wie auch die Begleitung der Umsetzung der festgelegten Strategien in Vordergrund. Nicht nur der Kandidat sollte sich an das Unternehmen anpassen. Auch das Unternehmen sollte die Rahmenbedingungen für die Internationalisierung des Teams schaffen. Internationale Rekrutierung ist für mich eine unternehmerische Entscheidung und ist mit Chancen und Risiken verbunden. 

Luba: Wie bist Du an Deinen ersten Kunden rangekommen?

Begonia: Über Netzwerke. Dein Netzwerk bestimmt Deinen Erfolg, ob als Selbständiger oder Angestellter, besonders am Anfang. Insbesondere im Recruiting bei mittelständigen Unternehmen, wo über internationales Recruiting auf Geschäftsführungsebene entschieden wird. Solche Entscheidungen bedürfen einer gewissen Vertrauensbasis.

Luba: Du warst in vielen Ländern tätig. Was ist das Besondere am Business machen in Deutschland verglichen zu Frankreich, Spanien oder Kanada?

Begonia: Typisch deutsch? [überlegt] Die Sachlichkeit, vielleicht. Man kommt nicht so schnell mit “Bla-Bla” rein, wie woanders… Aber wenn einmal “drin”, geniesst man einen gewissen Vertrauensbonus. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass man einwandfreie Leistung abgeliefert hat. Und das pünktlich natürlich! [lacht] Der deutsche Unternehmer sucht nicht nach der billigsten Lösung, er sucht nach Qualität.

Luba: Du bist seit einigen Jahren mit WhyConsult erfolgreich. Was hättest Du jetzt, mit Deiner jetzigen Erfahrung, anders gemacht? 

Begonia: Gute Frage… Spontan fällt mir nichts ein. [lacht]

Luba: Das ist doch super!

Begonia: Wirklich, mir fällt nichts ein. Es hat mir unglaublich viel Spass gemacht, ich hatte und habe viele spannende Projekte… Das hat alles zusammengepasst und es passte zu meiner Vision, zur Vision, wie ich mein Unternehmen ausbauen wollte. Ich wollte Herrin über meine eigene Agenda sein, meine Kompetenzen dafür nutzen, was Nachhaltiges auszubauen, die Menschen in Vordergrund haben. Es war für mich nie wichtig, schnell zu wachsen oder ein grosses Team zu haben. Ich habe sehr viel gearbeitet: es nicht so, dass man als Selbständiger weniger arbeitet. Herrin meiner Agenda zu sein bedeutet eine klare Vision zu haben, die richtigen Partner dafür zu gewinnen und bereit zu sein, sich dafür einzusetzen, sich weiterzuentwickeln.

Im interkulturellen Training geht es nicht nur darum, die anderen zu verstehen, es geht auch darum: ich muss mich selbst besser verstehen. Das ist das Schwierigste. Ich sage immer: Kultur ist wie Wasser für die Fische. Ein Fisch weiss nur, was Wasser ist, wenn kein Wasser mehr da ist. 

Luba: Was würdest Du anderen Migranten raten, die mit dem Gedanken spielen, ihr eigenes Business in Deutschland zu starten?

Begonia: Spreche Deutsch und habe eine ganz klare Vorstellung, was Du machen willst und was Deine Nische ist. Wofür brenne ich? Was ist meine Kompetenz? Mein Motto ist Leidenschaft, Nachhaltigkeit und Interkulturalität. Es geht um deine Vision, deine Kompetenz, deine Person; bleibt dran, und hat Spaß dabei! Und: sei präsent und pflege Deine Netzwerk. Dann ist es egal, ob Du Migrant bist oder nicht, Spanier oder Russe oder Deutscher…

Ich berichte in meinem Blog über erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund, um in dem mir möglichen Rahmen den Beitrag der Migranten zur deutschen Wirtschaft in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rufen.

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