Migranten-Unternehmer in Deutschland: die Erfolgsgeschichte des tschechischen Musikers Jan Divoky.

immigrant-entrepreneur-in-germany-2“Ich weiss nicht, ob ich mich nach nur 5 Stunden Schlaf gut ausdrücken kann…” sagt Jan, mein heutiger Gesprächspartner für die Successful Immigrant Entrepreneur Artikel-Serie. Jan Divoky ist gebürtiger Tscheche und betreibt erfolgreich eine Musikschule mit drei Honorar-Kräften in Karlsruhe. “Seit Maria und ich zusammengezogen sind kommt der Kleine [Maria’s dreijähriger Sohn David] um 5 Uhr morgens in unser Schlafzimmer mit einem süßen “Guuuuten Moooorgen!” und ab da ist ans Schlafen nicht mehr zu denken.”

Obwohl sein Alltag in der Musikschule, die er vor 3,5 Jahren gegründet hat, die meiste Zeit stressig ist, sieht Jan jünger aus als seine 35 Jahre vermuten lassen würden. Trotz Schlafmangel.

Jan: Ich wurde in Prag, in der Tschechischen Republik, in 1980, geboren. Meine Mutter war Klavierlehrerin, daher kommt wohl auch meine musikalische Begabung. Ich fing früh mit Klavierspielen an, als ich etwa 5 Jahre alt war. Für mich stand relativ früh, eigentlich schon mit 5 [lacht], fest, dass ich Musik zu meinem Beruf machen möchte. Seit dieser Zeit hat sich nicht viel geändert.

Luba: Wie viel hast Du am Tag geübt?

Jan: Schon viel… Gegen 13 Uhr kam ich aus der Schule zurück, 13 bis 14 Uhr Mittagessen und dann wurde geübt, eigentlich bis um 20 Uhr abends. Um acht machte ich dann meine Hausaufgaben.

Luba: Unglaublich, also mindestens 6 Stunden täglich! Ich meine, ich stelle mir das so vor: ich hätte als Kind doch viel lieber draussen mit Freunden gespielt, als zu üben. Dir hat also das Üben am Klavier mehr Spass gemacht als Spielen?

Jan: Ja, so könnte man das ausdrücken. Und es klappte ja auch. Wenn einem etwas gut gelingt, ist man motiviert, weiter zu machen.

Luba: Hattest Du jemanden in Deinem Umfeld, der Selbständig war?

Jan: Nein, meine Mutter war an einer staatlichen Schule angestellt, das war damals in den 80-er Jahren, noch vor der Wende, so üblich.

Luba: Wie kam Deine Entscheidung zustande nach Deutschland zu kommen?

Jan: Naja, eigentlich hat man als Berufsmusiker wesentlich bessere Chancen in Deutschland… In Prag hätte ich als festangestellter Musikschullehrer und Berufsanfänger vielleicht 400 EUR  im Monat verdienen können.

Luba: Warum gerade Deutschland?

Jan: Deutschland hat die besten Musikprofessoren in Europa. Die meisten und die besten Musikprofessoren sind Juden aus der ehemaligen Sowjetunion. Brezhnev hat sie in den 70-er und 80-er Jahren aus der Sowjetunion ausreisen lassen und sie kamen über Israel nach Deutschland. Eine der Professorinnen an der Musikhochschule in Karlsruhe kommt aus Brasilien und dadurch haben wir viele Klavierstudenten aus Brasilien, aber die meisten kommen aus dem ehemaligen Ostblock. Es gibt auch viele Koreaner… Die Konkurrenz unter den Studenten ist sehr hoch.

Luba: Gibt es viele Deutsche unter den Studenten?

Jan: Kaum, wirklich. In den Vorstellungen vieler Deutscher ist der Beruf des Musikers mit dem sozialen Abstieg verbunden. Die meisten deutschen Kinder, die für einen Musikberuf gute Voraussetzungen haben, kommen aus guten mittelständischen Familien und haben schlechte Chancen, sich durch Musik den Lebensstandard, den sie aus dem Elternhaus gewöhnt sind, zu erhalten. Deswegen entscheiden sie sich nach einer durch Musik geprägten Kindheit oft für einen lukrativeren Beruf.

Luba: Du hättest auch Musiklehrer=Angestellter werden können, Du hast Dich aber dafür entschieden, eine eigene Schule zu gründen. Warum?

Jan: Zunächst darf man als Ausländer nicht so ohne Weiteres Gymnasiallehrer in Deutschland werden. Für mich war der ausschlaggebende Grund allerdings der, dass ich mich als Lehrer nicht mehr in dem Masse musikalisch hätte verwirklichen können. Als Lehramt-Student bekommt man eine breite Palette vermittelt während der Ausbildung: Geige, Klavier, Stimmbildung, Chorleitung, Dirigieren sowie pädagogische Grundlagen. Das wäre mir zu oberflächlich und zu langweilig geworden.

Ich wollte viel mehr selbst am Klavier üben. Ich wollte mein eigener Chef und unabhängig sein… Ich habe ja während des Studiums in einer anderen Musikschule als Honorarkraft gearbeitet und war dort gezwungen, die Schüler zu nehmen, die mir von meinem damaligen Chef zugewiesen wurden. Ich wollte diesen Zwischenschritt zwischen meinen Kunden und mir eliminieren und selbst entscheiden mit wem ich zusammenarbeite. Mein Üben am Klavier kommt mittlerweile manchmal zu kurz im Schulalltag, im Vordergrund steht für mich aktuell, ein gesichertes Einkommen für mich und meine Familie zu haben…. Und dabei das tun, was ich liebe und war mir Spass macht.

Luba: Das heisst, der bei Frauen viel-diskutierte Spagat zwischen beruflichen Herausforderungen und Familie ist auch für Dich ein Thema?

Jan: Auf jeden Fall!

Luba: Was waren Deine ersten Schritte zum Aufbau der eigenen Schule?

Jan: Zunächst einmal hatte ich sehr viel Glück, einen passenden Gewerberaum gefunden zu haben. Nach dem Studium war ich auf der Suche nach einer Wohnung, wo der Vermieter es mir gestatten würde, in den Räumlichkeiten zunächst nur für mich zu üben. Das war sehr schwierig. Dann habe ich erfahren, dass man Gewerberäume mieten kann und dann ist man als Mieter keine Rechenschaft den anderen Mietern gegenüber schuldig. Und ich hatte das Glück, eine sehr nette Vermieterin über eine Zeitungsannonce gefunden zu haben. Der Rest kam nach und nach zusammen… Einige Zeit später habe ich meinen Werbeagenten kennen gelernt, der für mich das Logo kreiert hat, dann kam die Homepage. So nahmen die Dinge ihren Lauf und als die Homepage fertig war und ich in Online Werbung investiert habe, dann lief es rund. Innerhalb weniger Wochen waren meine freien Nachmittage ausgebucht.

Etwa 1/3 meiner Kunden sind Migranten oder stammen aus Familien mit Migrationshintergrund. Das ist ganz interessant. Die Migranten-Kinder üben fleissig, aber eher weil ihre Eltern sehr streng mit ihnen umgehen, sie erwarten den gleichen Druck auch vom Musiklehrer. Das heisst, wenn ich als Lehrer zu sanft mit ihnen umgehe, werden sie nachlässig. Bei den deutschen Kindern ist das anders, insbesondere wenn sie aus Familien der gehobenen Mittelschicht stammen. Diese Eltern räumen ihren Kindern viel mehr Selbstbestimmung zu, daher ist ihr Wunsch, zu spielen, eher intrinsisch motiviert.

Am Anfang habe ich alles aus eigener Kraft aufgebaut, mit Erspartem. Ich habe keinen Kredit aufgenommen oder dergleichen. Ich habe meinen Flügel aus Tschechien nach Deutschland transportieren lassen, mein Papa hat mir geholfen, die Schalldämmung in den Räumen der Schule anzubringen. Erst später, als ich gesehen habe, dass die Schule gut läuft, bin ich nach meiner Auffassung ein unternehmerisches Risiko eingegangen und habe ich in einen zweiten Flügel investiert.

Luba: Was hättest Du heute, mit Deiner jetzigen Erfahrung, anders gemacht?

Jan: Ich glaube nichts, ich hatte bei sehr vielen Dingen ganz viel Glück. Es fügte sich einfach alles zusammen, sodass ich gar nicht anders hätte agieren können und das war auch gut so.

Luba: Welchen Rat würdest Du anderen Migranten-Unternehmern geben, die mit dem Gedanken spielen, ein eigenes Unternehmen zu gründen?

Jan: Am Anfang möglichst viel aus eigener Kraft machen und sich nicht gleich verschulden. Ich hatte am Anfang lediglich einen kleinen Zettel im Schaufenster meiner Schule wo drauf stand: “Jan Divoky, Klavierunterricht” und die Telefonnummer. Im ersten Jahr wurden meiner Schüler quasi auf einer aufgeräumten Baustelle bedient… Und trotzdem lief es gut.

Luba: Welche Rolle spielt Dein Netzwerk, vielleicht auch unter Deinen Landsleuten, für Dein Geschäft?

Jan: Tschechen kenne ich eigentlich nicht viele und es gibt hier in der Umgebung auch kaum welche. Es war natürlich hilfreich, dass ich Freunde und viele Bekannte hatte, als ich die Schule gründete. Die ersten Schüler kamen auch über Bekannte… Dann habe ich Dich später kennen gelernt und Du hast mir auch viel geholfen, das solltest Du auch nicht unerwähnt lassen!..

Ich berichte in meinem Blog über erfolgreiche Unternehmer mit Migrationshintergrund, um durch ihre Erfolgsgeschichten neue Vorbilder für junge Migranten zu schaffen. Mach mit!

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