Neuanfang gelungen: Ella holt Kunst aus Osteuropa nach Stuttgart

„Jetzt geht’s los!“ – Ella und ich lachen auf. Ich klicke auf „record“ und wir starten mit dem „Immigrant Entrepreneur“-Interview in Ellas Räumen im Coworking Space in Stuttgart-Mitte. Der Raum im Herzen der Stadt sieht eher nach einer Kunstgalerie aus oder einem Designer-Popup Store. Ella bietet nicht nur einen Platz für den Laptop und eine Sitzgelegenheit zum Arbeiten an, sondern gleichzeitig auch Künstlern die Möglichkeit, ihre Werke auszustellen. Somit entsteht eine gelungene Kombination aus pragmatischer Einrichtung auf der einen Seite und kreativer Anregung auf der anderen.

Mein erster Eindruck von Ella: Die Frau ist eine coole Mischung aus Galeristin und Berliner Hipster – grauer Pullover, nackte Beine und Nieten-Stiefeletten. I like! Ihre Ausstrahlung während unseres Gesprächs ruft in mir das Bild von einem Glas mit sonnengelbem frischgepresstem Orangensaft hervor.

Diese Frau hat viel erlebt, sie mag ihr Leben farbenprächtig und sie gibt gern.

Kompletter Artikel als Audio zum unterwegs hören:

Ella ist mit ihrer Familie 1992 aus Moldawien (eine der ehemaligen Sowjetrepubliken) geflüchtet. Die 90er Jahre waren wild auf dem Gebiet der ehemaligen UdSSR. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gab es viel zu verteilen: Teilweise wurde die Privatisierung von bürgerkriegsähnlichen Zuständen begleitet.

Ella: „Wir waren total glücklich, als wir in Deutschland gelandet sind. Es war schön,  uns abends wieder sicher auf der Straße bewegen zu können, ohne Angst haben zu müssen, was in der nächsten dunklen Ecke auf einen wartet.

Die ersten drei Jahre haben wir in einem kleinen Ort nahe Stuttgart verbracht. Eine Großstadt bietet mehr Möglichkeiten, aber für die Integration ist es besser, in einem kleinen Dorf anzukommen.

Die Anonymität einer Großstadt gibt den meisten keine Chance, Migranten als Menschen mit eigener Geschichte kennenzulernen. Und umgekehrt.

In diesem kleinen Ort habe ich mich schon nach einem Jahr selbständig machen können als Spezialistin für Maniküre und Fußpflege. Ich habe zwar eine technische Ausbildung, habe aber bereits in den letzten Jahren in Moldawien in diesem Beruf gearbeitet.

In Stuttgart angekommen, konnte ich meine Selbständigkeit aufrechterhalten und habe uns dadurch finanziert. Mittlerweile war ich geschieden und somit allein für die Finanzen für mich und meinen Sohn verantwortlich.“

Während unseres Gesprächs erwähnt Ella mehrfach ihren Sohn. Ihre Augen strahlen dabei voller Stolz.

Ella: „Er ist ein sehr erfolgreicher Wirtschaftsjurist. Spricht vier Sprachen und hat Aussichten auf eine Professur. In Deutschland war es zum Glück viel einfacher für den beruflichen Weg meines Sohnes. In Moldawien hätte ich viel Geld für seine Ausbildung aufwenden müssen.

In Deutschland brauchst du nur deinen Kopf und den Willen, deinen eigenen Weg zu gehen.

Auch für mich war es in Deutschland einfacher, mich selbständig zu machen. Du sprichst auf Deinem Blog über Unternehmer-Vorbilder für Migranten. Ich hatte keine, als ich hierher kam. Ich war auf mich allein gestellt und musste es einfach schaffen.“

Luba: „Entstand die Idee für Deine Selbständigkeit mehr aus der Not heraus?“

Ella: „Dadurch, dass ich diesen Beruf schon in meinem Heimatland ausgeübt habe, war ich mir meines Könnens sehr sicher. Nach einer Weile wollte ich mit meinem Geschäft wachsen. Ich habe eine Weiterbildung im kaufmännischen Bereich absolviert und habe diese Räumlichkeiten in der Fritz-Elsass-Straße 34 in Stuttgart angemietet. Das war vor 15 Jahren.

In dieser ganzen Zeit hatte ich zusätzlich einen Teilzeitjob. Das würde ich auch allen empfehlen, die in die Selbständigkeit starten.

Klein anfangen und wenn man die Sicherheit hat, dass die Selbständigkeit genug abwirft: Weiter wachsen und die Arbeitsstelle reduzieren.

Besonders für alleinstehende Frauen – wie ich es war – ist dieses Modell das einzige, das funktionieren kann, ohne die finanzielle Sicherheit der Familie zu gefährden.“

Luba: „Wer hat Dich auf dem Weg zur Selbständigkeit unterstützt?“

Ella: „Ich habe lange Zeit als Empfangsdame im Thieme Verlag gearbeitet. Dort habe ich jemanden kennengelernt, der mein Mentor gewesen ist, wie man heute sagen würde. Dieser Mann, der viel älter und ein ganz besonderer Mensch war, hat mir viele Fragen rund um Business und das Leben in Deutschland beantwortet. Durch seine Verbindungen hat er meinem Sohn dazu verholfen, einen Teil seines Studiums in Straßburg zu verbringen.

Die IHK war für mich ebenfalls eine Anlaufstelle für viele Angelegenheiten, auch mit meinem jetzigen Projekt Coworking Space.“

Luba: „Du hast aus einem Beauty-Salon einen Coworking Space gemacht. Wie kam die Idee bzw. die Veränderung?“

Ella: „Das einzig Beständige im Leben ist die Veränderung. Meine langjährige Kollegin im Beauty-Salon hat einen neuen Weg eingeschlagen und ist weggezogen. Ich konnte mir nicht vorstellen, neben meinem Teilzeitjob nur noch Oma zu sein. Ich bin gern Oma, aber ich will mit meinen Enkelkindern später auf Augenhöhe sprechen: Social Media ist da z.B. ein wichtiges Thema. Ich wollte mich mit diesem Neuland vertraut machen.

Dann ist aus einem Gespräch mit Bekannten die Idee entstanden, dass ich mehr aus diesem Raum machen kann. Ich habe einen Cut gemacht und den Raum nach meinen eigenen Entwürfen komplett neu als Coworking Space umgestaltet. Mir gefiel die Möglichkeit, meine Ideen mit eigenen Händen zu verwirklichen. Kopf und Körper gleichzeitig einzusetzen.

Eine Vorstellung davon, wie der sogenannte New Way Of Working aussehen kann, hatte ich durch einen Nebenjob beim Unternehmen Regus, das weltweit flexible Bürolösungen vermarktet. Ich stand aber dennoch wieder wie am Anfang mit meiner Selbständigkeit. Um den Raum zu promoten bin ich auch dazu gezwungen, mich professionell mit Social Media auseinander zu setzen.
Mein Ziel ist es, zweigleisig zu fahren:

Coworking Space zum Arbeiten in angenehmer Atmosphäre anbieten und Künstler aus der ehemaligen UdSSR unterstützen, indem ich ihre Arbeiten in Deutschland ausstelle.

Es gibt so viele talentierte Künstler und Fotografen in Russland, die keinen Zugang zum europäischen Raum haben. Aktuell sieht man bei mir im Coworking Space die Werke einer ukrainischen Malerin ausgestellt.“

Luba: „Wie kam Dein erster Mieter für den Coworking Space?“

Ella: „Die erste Kundin war eine Bekannte, eine Künstlerin mit ihrer eigenen Ausstellung. Ich war auf vielen Veranstaltungen unterwegs: „Stuttgart gründet“ von der IHK zum Beispiel… Ich muss zugeben, ich hatte Hemmungen auf die Menschen zuzugehen und meinen Coworking Space vorzustellen. Ich habe einfach meine Visitenkarten eingepackt und bin zu meiner ersten Veranstaltung von der IHK losmarschiert. Meine Angst war vollkommen unbegründet, wie sich herausgestellt hat!

Auf einer dieser Veranstaltungen habe ich auch DMW’s (Digital Media Woman Netzwerk) kennen gelernt. Die Podiumsdiskussion „Quo Vadis Chancengleichheit?“ der DMWs hat bei mir stattgefunden.

Ich sehe noch sehr viel Potenzial, wie man bei mir Events mit Kunst verbinden kann: Trainings von und für Kreative, Autorenlesungen, Vernissagen…“

Luba: „Was würdest Du anderen Migranten raten, die mit dem Gedanken spielen, Unternehmer zu werden?“

Ella: „Ausreichend finanzielle Reserven haben, um auch mal schwere Zeiten zu überstehen. Das möchte ich insbesondere Frauen ans Herz legen, die auf sich allein gestellt sind und kein zweites Einkommen zur Verfügung haben.

Rücklagen sind wichtig, um am Anfang Durststrecken zu überwinden, aber auch zwischendurch weniger schlaflose Nächte zu haben.

Um weitermachen zu können und nicht zu schnell aufzugeben. Daran scheitern zu viele.

Ich möchte auch jedem raten, sich sehr gut zu informieren, über viele verschiedene Kanäle. Den Schritt in die Selbständigkeit kann man immer tun. Aber wenn man entsprechend vorbereitet ist, gestaltet sich das Leben und das Geschäft viel einfacher. Damit hat auch eine meiner Ideen zu tun, die ich demnächst angehen möchte: Ich will meinen Coworking Space dazu nutzen, um intensiven Austausch unter Gründungswilligen und bereits erfahrenen Selbständigen zu ermöglichen. Daher auch der Name: Raum für Ideen!“

Findest du auch, dass Migranten-Unternehmer einen wichtigen Beitrag zur unseren Wirtschaft leisten und ihre Erfolgsgeschichten erzählt werden sollten? Dann freue ich mich über dein „Like“ für Immigrant Entrepreneur.

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