Traumfrau in MINT

Viele Medien bringen immer wieder Meldungen darüber, wie gefragt Frauen in den sogenannten MINT-Berufen sind (MINT steht für Mathematik, Informatik, Natur- und Ingenieurwissenschaften und Technik). Meine Immigrant Entrepreneur-Heldin des Monats August, Natalia Obholz, wäre danach der wahrgewordene Traum eines jeden Diversity-Beauftragten in einem Großunternehmen: Die aus Russland stammende Frau spricht vier Sprachen, hat ein gutes Maschinenbaustudium vorzuweisen und bereits Erfahrung bei einem internationalen Konzern im Bereich Gebäudetechnik gesammelt. Dennoch bekommt Natalia, als sie nach einem 3-jährigen Aufenthalt in Kolumbien nach Deutschland zurückkehrt und sich auf Jobsuche begibt, von einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes die Aussage, sie sei „nach einer solchen Pause nicht vermittelbar“.

Für Natalia kein Grund, sich diesem Urteil zu ergeben. Ihre Lebensgeschichte hat sie gelehrt, zu kämpfen: Zu Hause hat sie schon früh ihre Interessen gegenüber ihrem älteren Bruder zu verteidigen gewusst. Als sie mit 14 Jahren nach Deutschland kommt, muss sie sehr schnell nicht nur die Sprache lernen, sondern sich auch in einer neuen Kultur zurechtfinden.

3 Jahre nach ihrem frustrierenden Besuch beim Arbeitsamt führt Natalia zusammen mit ihrem kolumbianischen Mann Tito ihr eigenes Unternehmen Energiemanagement Outsourcing und betont mir gegenüber: „Ich bin froh, dass alles so gekommen ist.“

Kompletter Artikel als Audio zum unterwegs hören:

Natalia: Mein Vater hat deutsche Wurzeln. Das hat es uns ermöglicht, nach Deutschland einzuwandern. Nach dem üblichen schulischen Weg habe ich beschlossen, Maschinenbau zu studieren. Ich war schon immer gut in Mathe und Physik [Anmerkung des Autors:!!!]. Das Studium hat mir sehr viel Spaß gemacht, auch weil ich meine Zeit selbst einteilen konnte. Ich habe mich im Fach Gebäudetechnik spezialisiert. Als Spezialistin für Gebäudetechnik stellte ich sicher, dass alle Bereiche eines Gebäudes energieeffizient mit Heizung bzw. kühler Luft versorgt werden. Nach 3 Jahren in diesem Job wollte ich einen Wechsel; habe mit dem Gedanken gespielt an der Universität zu promovieren. Ich habe beschlossen, zu kündigen und vor diesem neuen Schritt als Pause auf Reisen zu gehen.

Luba: Komplett zu kündigen war eine mutige Entscheidung.

Natalia: Ja, ich habe gekündigt ohne etwas Neues zu haben. Ursprünglich habe ich geplant, dass meine Reise 6 Monate dauern sollte. Ich war allein unterwegs, auch um meine soziale Kompetenz zu verbessern. Von Haus aus bin ich eher schüchtern… Reisen allein ist eine Herausforderung und ein großes Abenteuer zugleich!

In Südamerika habe ich meinen jetzigen Mann Tito kennen gelernt. Als ich in Kolumbien war, habe ich Couchsurfing (eine Webseite, wo heimische Anwohner einer Stadt den Reisenden eine Unterkunft bei sich zu Hause – auf einer Couch – anbieten) in Anspruch genommen. Mein jetziger Mann hat mir damals also „eine Couch“ angeboten… Und zwar dauerhaft. Ich habe beschlossen, in Kolumbien zu bleiben und zu schauen, wie sich unsere Beziehung entwickelt. Dass es nicht nur bei einem Urlaubsflirt bleibt…

Mein Mann ist ebenfalls Ingenieur und war seit seinem Studium selbstständig. Er hat mein Bild vom Unternehmertum, der unternehmerischen Kreativität und wirtschaftlicher Unabhängigkeit geprägt. Bevor ich ihn kennen gelernt habe, war Selbstständigkeit kein Thema für mich. In meinem Umkreis gab es niemanden, der Unternehmer war.

Bevor ich meinen Mann kannte, habe ich auch nie mit dem Gedanken gespielt, Unternehmerin zu werden. Ich war zwar schon immer ein freiheitsliebender Geist. Mein Mann hat mir aber geholfen, mein Mindset so zu verändern, dass es mir möglich wurde.

In Kolumbien habe ich meinen Mann bei seinen Geschäften im Einzelhandel unterstützt. So kam ich auf den Geschmack: Es hat mir Spaß gemacht, mit ihm zusammen neue Ideen zu entwickeln und sie umsetzen zu können.

Allerdings hat es mich zurück nach Deutschland gezogen. Unter anderem ist mangelnde Sicherheit auf den Straßen ein wichtiges Thema in Kolumbien. Als blonde Frau mit grünen Augen falle ich dort stark auf: Das ist nach einiger Zeit lästig geworden. So haben mein Mann und ich die Entscheidung getroffen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen.

Ich hatte ja bereits mehrere Jahre an Berufserfahrung als Ingenieurin. Trotzdem musste ich mir in Deutschland von einem Mitarbeiter des Arbeitsamtes zunächst anhören, dass es für mich schwierig bis unmöglich sein würde, wieder Anschluss zu finden.

Luba: Obwohl Du als Ingenieurin, die vier Sprachen spricht und mit Leidenschaft für Mathe und Physik ausgestattet ist, angeblich eine ganz heiße Kandidatin auf dem Arbeitsmarkt bist…

Natalia: Ja. Es gelang mir dann aber doch. Über eine Zeitarbeitsfirma habe ich angefangen, bei einem Logistikunternehmen im Bereich Energieoptimierung zu arbeiten. Das Unternehmen hatte damals das Problem, dass die Energiekosten jährlich stark angestiegen sind. Ich habe das Projekt im Juni 2013 übernommen. Nach einer Analyse der Ausgangslage wurden Maßnahmen eingeleitet, die zur Reduzierung des Energieverbrauchs geführt haben. Das war bares Geld für das Unternehmen!

Der Erfolg dieses Projekts gab den Anstoß für meinen Mann und mich dazu, „EnergieManagement Outsourcing“ (EM-OUT) zu gründen. Und das Buch „Cashflow Quadrants“ vom Finanzguru Robert Kiyosaki… Das habe ich damals gelesen und es war entscheidend für unseren Entschluss, Unternehmer zu werden.

Bei „EM Outsourcing“ bieten wir die Optimierung des Energieverbrauchs für Unternehmen an: Wir schauen, dass unsere Kunden ihre Energiekosten in den Griff bekommen. Die Energiekosten sind bekanntlich in den letzten Jahren gestiegen – das merken auch die Privatverbraucher. Wir helfen Unternehmen dabei, ihre Sorgen um die steigenden Energiepreise zu vergessen.

Luba: Die Idee wurde also aus diesem Projekt heraus geboren. Eine Idee ist schnell geboren, den ersten Kunden zu finden ist aber nicht so leicht. Woher kam euer erster Kunde?

Natalia: Wir hatten Glück. Mein ehemaliger Arbeitgeber – das Logistikunternehmen – hat uns als erstes beauftragt. Sie gehören immer noch zu unseren Kunden.

Luba: Wer hat euch bei der Gründung unterstützt?

Natalia: Die IHK bietet kostenlose Kurse für Gründungswillige an. Ich habe z.B. an einem Buchhaltungskurs teilgenommen. Auch Informationen über die notwendigen Versicherungen für Gründer habe ich mir über die IHK eingeholt.

Luba: Spielte die internationale Community in Deutschland eine Rolle für euren Erfolg?

Natalia: Wir haben zwar über InterNations (eine Community für sogenannte Expatriats mit regelmäßigen Treffen deutschland- und weltweit) viele wichtige private Kontakte knüpfen können… Daraus haben sich aber nie Geschäftsbeziehungen oder Kunden ergeben. Somit: Nein, eigentlich nicht.

Luba: Was würdest Du mit Deiner jetzigen Erfahrung, also seit 2014, beim Start anders machen?

Natalia: Ich bin sehr zufrieden damit, wie sich unser Business entwickelt hat. Ich würde gar nichts ändern wollen… Ein Thema, was mich beschäftigt, ist Selbstbewusstsein in Verhandlungen. Ich stelle immer wieder fest, dass Männer erfolgreicher verhandeln. Lohnungleichheit bei den Geschlechtern herrscht nicht nur bei den Angestellten. Auch als selbstständige Ingenieurin bekomme ich manchmal für die gleiche Arbeit weniger Geld als ein Mann. Das Argument: „Ich verdiene zwar etwas weniger, aber zumindest habe ich den Auftrag bekommen.“ ist dann ein schwacher Trost. Ich würde also rückblickend nichts ändern wollen, sehe aber beim Umsatz noch Potenzial nach oben!

Luba: Welchen Rat kannst Du anderen Menschen mit Migrationshintergrund geben, die mit dem Gedanken spielen, Unternehmer zu werden?

Natalia: Zunächst: Für mich spielt mein Migrationshintergrund keine Rolle für die Selbständigkeit. Wenn ich anfangen würde, mir aufgrund meiner Sprachfähigkeiten Grenzen zu setzen, dann wäre Unternehmertum ein vergebliches Unterfangen. Ich gehe in die Selbständigkeit und mache das zu 100%. Ich hatte als Migrantin nicht die besten Startbedingungen. Was zählt, ist das Ergebnis, denn viele Wege führen nach Rom.

  • Es ist sehr wichtig, sich zu informieren. Dass man weiß, was auf einen zukommt. Wir sind z.B. ein Risiko eingegangen, als wir gestartet sind. Wir wussten nicht, ob wir den ersten Kunden – das Logistikunternehmen, wo ich angestellt war – kriegen würden. Wir hatten Glück und bekamen den Auftrag.
  • Man sollte nicht unterschätzen, wie viel Zeit von der ersten Anfrage eines Kunden oder unserem Angebot bis zum tatsächlich zustande gekommenen Auftrag UND Zahlungseingang vergeht. Bei uns kann dieser Zeitraum bis zu 5-6 Monate umfassen. Darauf sollte man vorbereitet sein und entsprechende finanzielle Reserven haben, um diese Zeit überbrücken zu können. Oder ein zweites Einkommen zur Verfügung haben.
  • Ein wichtiges Thema ist die Buchhaltung. Man darf sich keine Scherze mit dem Finanzamt erlauben…

Und: Selbstbewusst sein. Niemals aufgeben. Dranbleiben. Migrant oder nicht!

Hat dir der Artikel gefallen? Dann freue ich mich über dein „Like“ für die Immigrant Entrepreneur-Idee. Bist du selbst Migrant und erfolgreich mit deinem eigenen Business? Oder kennst du Migranten-Unternehmer, die dich inspirieren? Kontaktiere mich und wir tragen gemeinsam deine Heldenstory in die Welt!

4 Kommentare » Schreibe einen Kommentar

  1. Tolles Interview liebe Luba und Glückwunsch zu diesem Erfolg an Natalia!
    Sie ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass Probleme Chancen bereit halten können – man muss sie nur ergreifen. Natalia hat dabei ihre ureigenen Ressourcen genutzt. Das freut mich 🙂

  2. Liebe Luba,
    ein inspirierendes Interview, das motiviert und dabei konkret ist. Super! Habe es sehr gern gelesen. Und der letzte Tip tut es mir gerade sehr an – bin auch gerade dabei, die Buchhaltung zu professionalisieren, also jemandem anzuvertrauen. Danke für das Interview und überhaupt für deinen tollen Blog.
    Liebe Grüsse, Friederike

    • Danke, Frederike! Es freut mich, wenn der Artikel nicht nur inspiriert, sondern auch dazu anregt, die eigene Buchhaltung anzugehen! 🙂 Luba

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